Warum gibt es das Menstruationstabu?

Geschrieben von Lynn Klarhorst:

Das Menstruationstabu ist auf jahrhundertelange Überlieferung von Unreinheit und Giftigkeit der Monatsblutung zurückzuführen. In den großen weltreligiösen Schriften kann man von klaren Regeln im Umgang mit Menstruierenden lesen. So wird beispielsweise das Stigma im Judentum, Christentum, Islam und Hinduismus bestärkt.

In einem wichtigen Text des Hinduismus liest man: „Die Weisheit, Kraft und Vitalität eines Mannes gehe vollkommen zugrunde, wenn er sich einer Frau während der Menstruation nähert. Wenn er sie hingegen in diesem Zustand meidet, werden seine Weisheit, Kraft und Vitalität zunehmen.“ Buch des Manu, Kapitel IV, 41-42.

Im dritten Buch Mose heißt es: „Wenn eine Frau Ausfluss hat, und zwar den Blutfluss ihres Fleisches, so soll sie sieben Tage lang in ihrer Unreinheit verbleiben. Wer sie berührt, ist unrein bis zum Abend. Alles, worauf sie sich in diesem Zustand legt, ist unrein; alles, worauf sie sich setzt, ist unrein.“ – Die Bibel, 3. Buch Mose, Kap. 15, Vers 19ff.

Daher ist es nicht gerade verwunderlich, dass sich die Angst vor der weiblichen Unreinheit weit verbreitet hat. Das dritte Buch Mose beschreibt außerdem ein Ritual, welches jede Frau nach Ablauf der sieben Tage durchführen soll. Um wieder als rein zu gelten, muss sie zwei Tauben opfern. Dies lässt sich als eine Art Entschuldigung, für die eigene Periode, bei Gott deuten.

Doch das Menstruationstabu ist nicht allein religiösen Schriften zuzuschreiben. In der Vergangenheit gab es immer wieder falsche Behauptungen, aus wissenschaftlicher Sicht. Viele Ärzte und Gelehrte waren der Meinung, dass Menstruationsblut nicht nur unrein, sondern auch giftig sei. Der berühmte Arzt Paracelsus machte 1566 die Aussage, dass kein Gift der Welt schädlicher sei, als das Menstruum. Der Kinderarzt Béla Schick ging in den Zwanzigerjahren sogar so weit, dass er davon sprach, dass Menstruierende einen toxischen Stoff über die Haut absondern. Aussagen, die den Alltag einer Frau sehr beschwerten. Diese Behauptungen wurden erst im Jahr 1958 endgültig medizinisch widerlegt. Trotz dessen hielten sich bis weit ins 20. Jahrhundert Aberglauben, wie, während der Monatsblutung darf man keine Früchte einkochen oder Sahne steif schlagen. Viele Frauen waren davon überzeugt und stellten die Aussagen nicht infrage. Außerdem wurden noch in den sechziger Jahren Mitarbeiterinnen in Fotolaboren entlassen, weil man davon ausging, dass die Menstruation im Zusammenhang mit Flecken auf den entwickelten Bildern steht.

Kurze Zeit später entstand eine sexuelle Revolution. Die 68er Jahre brachen das große Schweigen über Tabuthemen, wie Sex, Homosexualität und Empfängnisverhütung. Doch über die Menstruation bewahrte man weiterhin Stillschweigen. Die im Zuge dessen entstandene Welle der Aufklärung beinhaltete nicht den weiblichen Zyklus. Lange Zeit suchte man vergeblich, nach dem Thema Menstruation, in Schulbüchern. Die gesamte Weltliteratur wies im Jahr 1985 gerade einmal 50 Veröffentlichungen zu diesem Thema auf, was die anhaltende Tabuisierung bestätigte. Doch ohne Aufklärung kann kein Tabu besiegt werden.

Dies zeigt sich auch in anderen Kulturen bis heute. In vielen Ländern, in denen es kein ausgeprägtes Bildungssystem und keinen Internetzugang gibt, ist der Umgang mit der Monatsblutung eine große Hürde. Im schlimmsten Fall denken Mädchen, dass sie eine gefährliche Krankheit haben, da ihnen niemand sagt, dass es ein völlig normaler Prozess der Menschheit ist. Ihnen fehlt die Aufklärung zum richtigen Umgang mit der Periode und Erklärungen zur hygienischen Vorgehensweise. So endet der Monatszyklus nicht selten mit einer Infektion. Denn Frauen und Mädchen in ärmeren Ländern benutzen, was sie finden, um ihren Blutfluss möglichst unsichtbar zu halten. Blätter, alte Lappen und sogar Plastiktüten werden als Binden zweckentfremdet.

Solche Extreme erleben wir in westlich geprägten Ländern nicht, doch es zeigt uns, wohin Schweigen führen kann.

Bis in die Achtzigerjahre kaufte man auch in Deutschland Monatshygieneprodukte mithilfe eines kleinen Abschnittes, der sich an jeder Produktverpackung befand. So wurde ein stiller und diskreter Kauf unterstützt. Bis heute ist jeder zehnten Frau der Kauf von Menstruationsprodukten unangenehm. Dieses Gefühl wird noch immer durch die großen Hersteller von Monatshygieneprodukten bestärkt. Abkürzungen, wie der Markenname „o.b.“ (ohne Binde) und Produktnamen, wie „always discreet“, geben Kundinnen weiterhin das Schamgefühl mit auf den Weg. Auch Kampagnen und Werbefilme zeigen nicht die Realität, sondern geschönte Versionen der Menstruation. Blaue Flüssigkeit ersetzt das Blut und perfekte Frauen in Sommerkleidern tanzen unbeschwert durch den Alltag. So kann und wird sich nichts am Tabuthema ändern.

Quellen:
Buch des Manu, Kapitel IV, 41-42.
Die Bibel, 3. Buch Mose, Kap.15
Paracelsus: 1566, zitiert nach Müller-Hess, 1938, S.19
Bopp Annette: Die ver-rückte Frau. In: Die Zeit, 15/1985
Hering Sabine; Maierhof Gudrun: Die unpässliche Frau – Sozialgeschichte der Menstruation und Hygiene von 1860 bis 1985. 2. Auflage. Pfaffenweiler, 1991

https://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/68er-bewegung/51853/sexuelle-revolution
https://www.splendid-research.com/de/studie-menstrual-hygiene.html

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