Angst und Hoffnung in Zeiten von Corona

Ein Beitrag Stefan Grunde
(Leitung Qualitätsmanagement / psychologischer Coach)
https://bildung-sg.de/profile/stefan-grunde/

So viele Menschen berichteten mir in letzter Zeit von ihren Sorgen. Das taten sie auch schon vor der Corona-Krise, aber nun scheinen jegliche
Hemmschwellen, die das in der Vergangenheit behindern konnten, zu fallen. Als Psychologe und Organisationsberater habe ich viel Kontakt zu
Unternehmern und deren Mitarbeitern. Kontakt besteht aber auch zu
Menschen außerhalb meines beruflichen Kontextes. Aufgrund meiner
Profession „schütten mir viele Menschen ihr Herz aus“.


Da wäre zum Beispiel die Friseurmeisterin, die ihr Geschäft aufgrund der
Corona-Verordnung schließen musste. Sie ist verantwortlich für sechs
Angestellte und eine Auszubildende. Es wurde von ihr Kurzarbeitergeld
beantragt und von den Behörden bewilligt. Sie kann aber seit drei Wochen
nicht mehr schlafen, weil sie nicht weiß, ob sie ihren Friseursalon und ihre
Angestellten zukünftig dauerhaft halten kann.


Ich sprach auch mit einem Krebspatienten einer Uniklinik, dessen Tumor in einigen Wochen entfernt werden soll. Seine Operation ist zwar nicht abgesagt, aber er fragt sich ständig, ob der Eingriff bei einer weiteren Verschärfung der Krise überhaupt noch „wichtig genug“ sein würde, um zeitnah durchgeführt zu werden. Dazu kommt die Angst vor dem Verlassen des Hauses. Durch die Chemotherapien ist sein körpereigenes Immunsystem angegriffen. Jeder Gang zum Supermarkt könnte dramatische Folgen für ihn haben. Am Ende der Überlegungen steht immer die Angst vor weiteren gesundheitlichen Einschränkungen. Hinter seinen Ausführungen spüre ich die „nackte“ Panik.


Ich tauschte mich aber auch mit zwei Entscheidern aus der freien Wirtschaft aus. Sie sind Mandanten von mir. Führungskräfte, die jährlich im sechsstelligen Bereich verdienen und Verantwortung für Hunderte von Angestellten haben. Ihr Problem sei nicht das Geld, so hörte ich immer wieder. Sie könnten längere Zeit von ihren Rücklagen zehren. Sie sind gedanklich oft bei ihren Mitarbeitern. Hier gilt die Sorge der Wirtschaft insgesamt. Sie hätten Angst davor, dass der Wirtschaftsmotor „absäuft“ und fragen sich, wie lange unsere (noch) gesunde Volkswirtschaft diesen „Shutdown“ überhaupt aushalten kann. Gleichzeitig plage sie das schlechte Gewissen: Darf man diese Frage überhaupt stellen? Schließlich geht es um Menschenleben. Gute Frage, aber wenn die Wirtschaft kollabiert, wird es auch existenziell …


Eine junge Krankenschwester berichtete mir von ihrem anstrengenden Alltag in einer Klinik im Ruhrgebiet. Von der Anspannung, die in ihrem Hause förmlich zu greifen wäre. Von ihrer Wut, wenn sie nach einer 12-Stunden-Schicht in den Supermarkt gehe und kein Klopapier mehr für sich und ihren Lebenspartner bekommen würde. Wenn sie beobachte, wie sich Menschen trotz Verbots immer noch dicht gedrängt in der Gelsenkirchener Innenstadt aufhalten würden. Auch sie ist hoch belastet. Die ständige Furcht, sich und ihre Liebsten anzustecken, begleitet sie jeden Tag.

Trotz aller Tragik, die hinter diesen Einzelschicksalen steckt, zwei Dinge verbinden alle diese Zeitgenossen. Es sind Angst und Hoffnung. Die Angst
davor, dass ihre schlimmsten Befürchtungen wahr werden. Und die Hoffnung, dass sie diese Ängste in Zukunft irgendwann nicht mehr haben werden müssen.


Eines machen all diese Personen gemeinsam, sie teilen ihre Ängste, und das ist gut so. Denn oftmals müssen wir Menschen feststellen, dass unsere Ängste erst dann verständlich werden, wenn wir sie aussprechen. In diesen Momenten werden sie reflektiert. Und häufig relativiert. Sie sind nämlich oft zu groß, zu unangemessen. Damit will ich die Ängste von Menschen nicht klein reden – ich wäre ein schlechter Therapeut, wenn ich das täte – es geht ausschließlich ums Verstehen.

Dazu muss man wissen, dass unser Gehirn nämlich noch auf „Steinzeit
programmiert“ ist. Darauf, sich die schlimmste mögliche Gefahr in der
Phantasie ausmalen und darauf vorbereitet sein zu können. Es war natürlich auch immer ratsam, das Aggressionspotential des Mammuts ernst zu nehmen. Aber in Zeiten komplexer globaler Inspiration und digitaler Vernetzung kann dieses Programm auch zu Übereifer und unkontrollierten Ängsten führen. Um diese Ängste gar in Zeiten von Corona zu bezwingen, brauchen wir ein Instrument.

Das Instrument heißt Kommunikation oder Interaktion oder miteinander reden!

Das bedeutet aber auch, dass wir unsere Ängste offen und transparent machen. Zu ihnen stehen. Dann spüren wir schnell, wir sind nicht allein mit unseren Sorgen. Wir können damit umgehen. Das nimmt die seelische „Lähmung“ und den damit verbundenen Energieverlust. Dieses Verhalten fördert die Resilienz, also die seelische Widerstandskraft, und macht Hoffnung. Wir sehen in diesen Fällen oft, dass die Hoffnung meistens größer als ist, als unsere Ängste. Eine wichtige Erkenntnis, nicht nur in dieser schwierigen Zeit:


„Die Angst geht, aber die Hoffnung bleibt!“

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